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Schivelbein / Swidwin

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Über dem Anfang der Stadt Schivelbein liegt Dunkel. Man vermutet mit ziemlicher Sicherheit, daß auf der Rega-lnsel, die heute das
Schloß trägt, ein wendischer Burgwall lag. Ob aber die andere Insel, die heute von den alten Stadtteilen eingenommen wird, schon zur Wendenzeit bewohnt war, bleibt fraglich. Man ist auf das Gebiet sprachwissenschaftlicher Forschung angewiesen, deren Resultate heute noch hart umstritten werden. Einig sind
sich alle Forscher darin, daß der Name Schivelbein deutsch ist, wenn auch mit wendischem Anklang. Dabei hat die meiste Wahrscheinlichkeit die Deutung: Schiwe = Scheibe, bein = bagno (slawisch = Sumpf), also Scheibe im Sumpf, und jeder Kenner der Stadtanlage
muss dieser Deutung recht geben. In einer hochdeutschen Urkunde wird 1443 die Stadt
"Scheibelbeyn" geschrieben, offenbar in dem Bestreben, die Wortbedeutung genau wiederzugeben.
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Ins Licht der Geschichte tritt Schivelbein im Jahre 1280, wo es in einem Grenzvertrag zwischen den Markgrafen von Brandenburg und dem Bischof von Kammin genannt wird. Dass der Ort brandenburgisch wurde, soll
folgendermaßen zugegangen sein: Im Jahre 1248 gab der Herzog Barnim der Gute von Stettin dem Bischof Hermann von Kammin das Land
östlich der Persante sowie die angrenzenden Burgbezirke Podewils und Concrine (Stolzenberg). Zu dem
letzteren gehörte der heutige Kreis Schivelbein. Dessen südlichen Teil aber beanspruchten die brandenburgischen Markgrafen, die in der Neumark festen Fuß gefasst hatten. Um das Jahr 1266 oder 1268 scheint der Bischof den
südlich der Rega gelegenen Teil seines Burgbezirkes an die Markgrafen verkauft zu haben, um vom Pommernherzog den westlichen Teil des Kulberger Landes zu erhandeln. Schivelbein wurde damit der
nördlichste Punkt brandenburgischen Besitzes und daher
gesichert. Auf den Überresten des wendischen Burgwalles entstand das feste Haus der Markgrafen. Auf der langgestreckten Nebeninsel weidete das Vieh der Burgmannen, bis deutsche Ansiedler herbeizogen und sich im Schutze der Burg
niederließen.
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Im Jahr 1280 trug das Land ringsumher bereits den Namen Schivelbein; 1292 war der Ort schon eine befestigte Stadt. Das
älteste Stadtsiegel soll allerdings die Jahreszahl 1296 getragen haben; aber das kann auch das Jahr der Bewidmung mit dem Stadtrecht sein.
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Die Stadt hatte anfangs eine Vogtei-Verfassung mit einem von der
Bürgerschaft gewählten Rat. An Land waren 164 Hufen vorhanden; die Mühle am Kussenowschen Weg (heute
Papiermühle) gehörte schon der Stadt. Das erste Gotteshaus, die Kapelle
"Zum heiligen Geist", stand in der heutigen Hospitalstraße. Um den Markt herum lagen mit schmaler Vorderseite die einzelnen
Gehöfte; der Raum für die Kirche war an der einen Ecke ausgespart.
Zwei Zugangsstraßen, die aber nicht einen geraden Straßenzug bildeten, führten von den
Eingängen zur Stadtmitte. Dort erhob sich das Rathaus, von dem aus sich die Bürger durch ihre vier
gewählten "Bürgermeister" im wesentlichen selbst regierten. Die Stadtherren - seit 1319 die Wedels -
beschränkten sich auf das oberste Gericht und einen Teil der Markt- und Zolleinnahmen.
Dafür aber bauten sie Tore und Mauern aus, schufen die Kirche der heiligen Maria 1338, gaben
dem Pfarrer Kost und Wohnung im Schlo߬ schützten den Vieh- und Kornhandel der Schivelbeiner
Bürger, legten die Schlossmühle an und sorgten für Ordnung und Frieden zu einer Zeit, als Fehde und Raub allerorten herrschten. Leider verarmte Hans von Schivelbein, der letzte Stadtherr Wedelschen Geschlechts, und
mußte sein Land 1384 an den Deutschen Ritterorden verkaufen.
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Das Schloss
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Mit der Ordensherrschaft brach für Stadt und Land eine
böse Zeit herein. Keine starke Hand wehrte den ewigen Räubereien der Leckows, Borkes, Manteuffels, da der Orden genug zu tun hatte, seine Grenzen gegen Polen zu halten. Zwar baute der Orden die Burg aus, aber das schuf keinen Verdienst
für die Schivelbeiner Bürger, sondern nur Fronarbeiten und Steuerlast. Dabei lag der Handel darnieder, und das Korn verdarb oft durch schlechte
Witterung. Endlich riss den Schivelbeinern die Geduld, sie baten Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, sie in seinen Schutz zu nehmen. Das geschah dann 1455, und von da ab blieb Schivelbein brandenburgisch. Kurze Zeit vorher hatte der Ordensmeister Konrad von Erlichshausen noch das
Karthäuser-Kloster an der Rega gestiftet, und die Stadt hatte zwölf Hufen des Stadtfeldes den
Mönchen abgetreten.
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Der Bismarckturm
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Auch unter der brandenburgischen Herrschaft wollte der Friede
zunächst nicht einkehren; das machten die Erbfolgestreitigkeiten mit den pommerschen
Herzögen. Schivelbein litt durch die Verhinderung seines Handels nach Pommern. In diesem Zusammenhang
fällt der Krieg mit Belgard, der um kleiner Ursache willen entstand und mit der Niederlage der Belgarder auf der Langenschen Heide endete. Der Ring im Steintor soll aus dieser Zeit stammen,
er soll aus dem Halsring des Reitochsen geschmiedet sein, auf dem der Belgarder
Bürgermeister saß. Das "Fähnlein" der Belgarder wurde in der Kirche
aufgehängt. Das ist die letzte Waffentat des Schivelbeiner Bürgertums im Mittelalter gewesen. Fast 160 Jahre herrschte Frieden. In dieser Zeit nahm die Stadt an Volkszahl bedeutend zu, wenngleich die Pest im Jahre 1550
über ein Drittel der Bevölkerung hinwegraffte. Es wuchs der Wohlstand der 74 Brauer, die das umliegende
Land und die Städte Regenwalde, Köslin und Polzin mit Bier versorgten. Es zogen aber auch viele arme Leute von dem Lande in die Stadt, wo sie sich
Budenhäuser bauten oder zur Miete in dumpfer Stube hausten. Häuser und Höfe lagen daher eng aneinander; die Schmutzwasser liefen auf die
Straße, die - ohne Pflaster - zur Regenzeit einem Sumpfe glich. Zwar waren seit 1540 die Scheunen aus der Stadt hinausverlegt und am
"Rosengarten" und an der Dramburger Landstraße aufgebaut. Aber doch kamen
öfter Brände auf, die die gesamte Stadt bedrohten. Am schlimmsten war wohl der
Brand von 1619, der das gesamte Stadtviertel zwischen
Steintorstraße, Markt, Kirche und Mauer fraß. Kaum war der Schaden einigermaßen beseitigt, da kam der
Dreißigjährige Krieg.
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Die Steintorstrasse
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Vorher aber hatte sich noch ein Wechsel auf dem Schloß vollzogen. Markgraf Hans von
Küstrin, dem seit 1535 die Neumark gehörte, vertauschte bei der
Einführung der Reformation seine Güter im Schivelbeiner Lande gegen die Johanniter-Komturei Quartschen, und so zog ein Johanniter-Ordensmeister, Komtur genannt, als Landvogt ins
Schloß. Diese Komture, denen die Aufsicht über die Stadt zustand, haben für Schivelbein segensreich gewirkt;
sie handhabten das Gericht als Berufungsinstanz, prüften die rathäuslichen Rechnungen und die Verwaltung der Kirchenkasse, ernannten die Superintendenten, sorgten
für städtische Arme und gaben durch ihre immerhin vornehme Hofhaltung den Schivelbeiner Handwerkern Verdienst.
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Die Synagoge
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Den Komtur Georg von Winterfeld traf das schwere Schicksal des
Dreißigjährigen Krieges, da die Schweden 1635 die Komturei beschlagnahmten und den Inhaber zwangen, nach Tempelburg ins Polnische zu fliehen. Er war nicht der einzige Schivelbeiner, der dort Zuflucht suchte. Seit Martini 1627 hausten die Wallensteiner in Stadt und Land, da begannen schon
Bürger zu entlaufen; 1630 kamen die Schweden. Um die Stadt entbrannte ein harter Kampf.
Die Schweden konnten die Stadt nicht halten, sie zogen sich in das
Schloß zurück und zündeten, um freies Schussfeld zu haben, die Häuser und
Gehöfte der benachbarten Straßen an, so daß fast die Hälfte der Stadt in Asche sank. Weil die Kaiserlichen das Schloß trotz
dreitägigen Kampfes nicht nehmen konnten, zogen sie ab, brannten aber vorher die Scheunen
außerhalb der Stadt mit der gesamten Ernte des Jahres nieder. So flüchteten manche
Bürger nach Polen. Sie
entgingen den Leiden der Zurückbleibenden in den Schwedenjahren 1635 bis 1643, wo Totschlag, Hunger und Pest die
Bevölkerung mit reißender Schnelligkeit verminderten. Am Kriegsende hatte die Stadt
ungefähr dreißig Vollbürger gegen 197 am Anfang und höchstens dreißig Wohnhäuser gegen 250 im Jahre 1619.
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Badestelle am Buchholzsee
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Der Aufbau nach dem Kriege ging sehr langsam vonstatten, es fehlten die Menschen. Schwer
drückten Steuern und Schulden, so ernährten sich die Bürger mühsam von Ackerbau und Viehzucht. Handel und Verkehr hatten fast ganz
aufgehört. Erst die Einführung der Akzise, einer Verbrauchssteuer, half ein bisschen, daß der Steuerdruck weniger hart
gefühlt wurde. Man atmete gerade ein wenig auf, da kam der große Brand von 1689, der fast die
gesamte Stadt, Kirche und Rathaus in zwei Tagen niederlegte. Der Kurfürst suchte zwar zu helfen durch Kollekte, Bauholz und Steuererlass, aber noch im Jahre 1713 lagen
über 70 Stellen wüst. Erst 1719 hatte die Stadt wieder 522 Seelen. König Friedrich Wilhelm l. griff ein. Er gab 23 von Hundert Baufreiheitsgelder, verlangte aber, daß der Magistrat ohne
Zögern an den Aufbau der Stellen herangehe. So wurden dann bis 1728 dreiunddreißig
Häuser neu gebaut. Sechsundvierzig
Familien zogen zu. Mit diesem Zuzug kam das Gewerk der Tuchmacher in Schivelbein empor. Meister Krautwadel erbaute
dafür 1724 die Walkmühle an der Rega. Bald hatte das Gewerk zwanzig Meister, denen sich achtzehn Raschmacher anschlossen. Es gewann solchen Einfluss, daß der zweite
Bürgermeister oft genug aus seinen Reihen genommen wurde. Die Tuchmacher waren bis zum Ende des Jahrhunderts der
führende Stand in der Bürgerschaft.
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Die nächstmächtige Innung war die der Schuhmacher, die
fünfzehn Meister zählte. Dann kamen elf Schmiede-, neun Schneider-, fünf Weber-, vier
Bäcker-, vier Töpfer-, drei Tischler-, drei Böttcher-, zwei Kürschner-, ein Zimmer-, ein Malermeister, ein Drechsler und ein einziger Schlachter. Man sieht aus dieser Zusammenstellung, wie die
Bürger zumeist selbst ihr Land bebauten, ihr Schwein fütterten und schlachteten, Wolle und Flachs
selber verarbeiteten und sehr wenig Sinn und Bedürfnis für Hausrat und Behagen hatten. Die Bierbrauerei war stark
zurückgegangen (nur drei Böttcher), Schuhmacher, Tuchmacher, Schneider, Kürschner,
Töpfer und Tischler lebten mehr von dem Ertrage ihrer Landwirtschaft als von dem des Gewerbes. Doch langsam hob sich der Wohlstand und damit Lebensmut und Selbstbewusstsein. Das sieht man an der
Neugründung der Schützengilde 1743. Wenige Jahre später hatte die Stadt 1129
Einwohner.
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Die Mühlenstrasse
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Schwere Hemmungen brachte der Siebenjährige Krieg, der die Russen von 1759 bis 1762 im Lande sah. Zwar lagerten die Feinde meistens im Buchholz, aber die Offiziere verlangten
städtisches Quartier, und die Lasten der Bewirtungen und Lieferungen sogen die
Bürger vollständig aus. Verschiedentlich schwebte die Stadt in der Gefahr,
angezündet und ausgeplündert zu werden, so 1760, als Tottleben die Stadt brandschatzte und sie ihre
Bürgerwiesen verpfänden und außerdem noch 100 Taler borgen mußte. Erst 1784 konnten die
Kriegsschulden abgetragen werden. Gegen Ende des Jahrhunderts zählte
die Stadt wieder 1600 Einwohner, hatte also die Volkszahl vor dem Dreißigjährigen Krieg
annähernd wieder erreicht. Da war der Mauerring denn bald so eng wie dem Jüngling der Rock, den er als Knabe getragen. Aber befangen in mittelalterlichen Vorurteilen mit Zunftzwang und Flurzwang,
"mit Handwerks- und Gewerbesbanden", gewöhnt ans Gehorchen und Regiertwerden von oben her, ohne eigene Entschlusskraft und
genügenden Weitblick, hausten die Schivelbeiner in der engen Stadt
mit den schmalen Straßen, mit dem Rathaus mitten auf dem Markt und dem Friedhof rund um die Kirche. Erst 1787 trug man die
Erdwälle vor der Mauer zwischen Steintor und Rega ab und füllte den sumpfigen Stadtgraben damit aus. Zwei Jahre
später vollzog sich dasselbe Geschehen mit dem Walle der entgegengesetzten Richtung, und hierhin, auf die Sohle des ehemaligen Walles, verlegte man den Friedhof. Damit waren aber auch die Neuerungen
erschöpft; es war eine neue Notzeit
erforderlich, um die Reste des Mittelalters zu überwinden.
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Schivelbein auf der von Schmettau`schen Karte von 1780
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Die Franzosen kamen, und wieder senkten sich Leiden auf Stadt und Land. Einquartierungen, Lieferungen und Kriegssteuern schwemmten in kurzer Zeit die
Früchte des Fleißes von fünfzig Friedensjahren hinweg. Der Magistrat berechnete die Kriegsverluste der Stadt in der Zeit vom 8. November 1806 bis 3. November 1808 auf 51872 Taler. Das hatte ein erbarmungsloser Feind aus der immerhin doch armen Landstadt herausgepresst. Die Geldnot zwang
die Stadt zum Verkaufe ihres Landbesitzes, und so wurden die städtischen Bauern frei, der Stadthof kam in Erbpacht, das Vorwerk Nemmin ging in die Hand des Schulzen Ponath aus Nelep
über. Zugleich setzten die Steinschen Reformen ein. Die Schivelbeiner
Schlossmühle hörte auf, Zwangsmühle zu sein, die Städteordnung wurde erlassen und
ausgeführt, die beiden Stadtkassen mussten zusammengelegt werden. Schivelbein wählte 24 Stadtverordnete, der erste Bürgermeister wurde
Konrektor Plieth.
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Wenn auch die Bürger für die neuen Aufgaben, die ihrer harrten, noch nicht vorgebildet waren, so wurde doch durch die Selbstverwaltung eine gewaltige Summe von Kraft frei. Und wie die Freiheitskriege zum
glücklichen Ende geführt waren, wie die Kämpfer mit neuen Eindrücken aus deutschen und
französischen Landschaften nach Hause kamen, wo die Wohnungsnot und der Mangel an Luft, Licht, Raum und Sonne
gefüllt wurden, da sprengte die
Stadt den Mauerring. Die drei Gräben wurden ausgefüllt, die Außenseite der Acker-, Baum- und
Gartenstraße wurde bebaut, und die Neustadt entstand auf dem früheren Grunde sumpfiger Wiesen. Das
Mühlentor fiel, nur das Steintor blieb wegen seiner Schönheit und merkwürdigen Bauart erhalten. Neues Leben, geistiges und wirtschaftliches, spross
überall hervor. Die Bevölkerungsziffer stieg von 1513 Seelen im Jahre 1811 auf 5043 im Jahre 1861. In dem kurzen Zeitraum von
fünfzig Jahren vollzog sich der Übergang von der vorzugsweise Ackerbau treibenden Landstadt zur
gewerbefleißigen Handelsstadt.
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In dieser Zeit verschwand ein Stand ganz: die Tuchmacher. Sie konnten mit den aufkommenden Tuchfabriken, die den Dampf oder die Wasserkraft ausnutzten, nicht in Wettbewerb treten. Sie hatten ihr Einkaufs- wie ihr Absatzgebiet nur rund um Schivelbein, wo die Schafzucht zugunsten einer intensiveren Landwirtschaft mehr und mehr
zurückging. Und dann fehlte wohl der großartige Unternehmungsgeist. Dagegen kam ein Stand hoch; das waren die
Kaufleute. 1811 zählte man vier, 1861 aber 26, dazu 44 Händler. Die Zahl der Schuhmacher
erhöhte sich von 42 auf 70, was ungefähr dem Bevölkerungszuwachs im Kreis entsprach: 8751 zu 14257. Die Tischler dagegen hatten sich von
fünf im Jahre 1811 auf 25 im Jahre 1861 vermehrt. Acht Schlosser hatten sich von den Schmieden abgezweigt; acht Sattler waren neu hinzugekommen. Schneider gab es 23 statt elf. Ein Stand, den wir heute vermissen, gab dem
städtischen Leben eine besondere Farbe. Seit 1816 lag das Stamm-Bataillon des 9. Landwehrregiments hier im
Bürgerquartier. Der Kommandeur bewohnte einen Teil des
Schlosses, dessen Hauptgebäude zum Zeughaus eingerichtet wurde. 1825 wurde auch die Hauptsteuerdirektion dahin gelegt.
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Stadtmusikkapelle Schivelbein 1929 unter der Leitung von Stadtmusikdirektor Arthur Zummach
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Das wichtigste Ereignis dieser Zeit war wohl die Gemeinheitsteilung 1838. Die gesamte Feldmark wurde aufgeteilt, und nun zogen viele
Ackerbürger auf das Stadtfeld hinaus; Neuschivelbein entstand. Das Rittergut wurde nach dem Polchleper Wege bei dem Buchholzsee verlegt; der Stadthof bei dem Kloster brannte ab und wurde an der
Klützkower Chaussee neu aufgebaut; auf dem Klosterfelde entstand Neu-Wachholzhausen. Auch das Schloß Vorwerk
wurde aufgeteilt, aus dem größten Teile wurde Neu-Pribslaff. Durch diese Aufteilungen erwuchsen rund um Schivelbein eine Menge
bürgerlicher Wirtschaften, die ihre Erzeugnisse in der Stadt absetzten und die in der Mehrzahl landlosen
Bürger mit Lebensmitteln versorgten. Wie sehr die Schivelbeiner darauf angewiesen waren, zeigt schon die Einrichtung der
Wochenmärkte 1828. Zugleich bekam das Geschäftsleben davon einen lebhaften Antrieb. Aber der Handel hatte auch mit
großen
Schwierigkeiten zu kämpfen. Schivelbein lag ganz abseits vom Verkehr. Erst 1846 bis 1848 wurde eine Provinz-Chaussee von Stargard nach Polzin
über Schivelbein gebaut. Auf dieser Straße mussten die starken Planwagen die Waren heran- und fortschaffen. Darum wurde der Bahnbau eine Notwendigkeit, und die
verständigen Bürger sorgten dafür, daß der Bahnhof nicht zu weit von der Stadt entfernt angelegt wurde. Im Jahr 1859 konnte er eingeweiht werden, und nun entwickelte sich
nach dieser Seite ein neuer Stadtteil.
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Die auf 1861 folgenden Jahre brachten nur geringen Zuwachs der
Bevölkerung. In den dreißig Jahren bis 1891 stieg die Zahl der Einwohner nur auf 5935, also um 18 Prozent, was kaum dem
natürlichen Bevölkerungszuwachs entsprach, vermehrte sich doch die Zahl der Kreis-Insassen um rund 33 Prozent. Es ist aber kaum anzunehmen, daß nur die ansteckenden Krankheiten Schuld daran trugen.
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Im Jahre 1866 waren allerdings 320 Personen gestorben, davon 200 an Cholera, 1868 starben eine Menge Kinder an Scharlach. Aber diese Epidemien konnten sich bis 1891 nicht bemerkbar machen. Es
muss vielmehr vermutet werden, daß ohne neue bedeutende Industrien für mehr Menschen ein Broterwerb
unmöglich war. Wenn aber auch die Bevölkerungszahl stillstand, so hatte damit doch nicht der Fortschritt
aufgehört.
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Da war zum ersten die Schule. Die Schivelbeiner Stadtschule,
gegründet 1540, hatte Jahrhunderte hindurch zwei Lehrkräfte, den Rektor und den Konrektor; seit Ende des 18. Jahrhunderts war eine Privatschule mit einem dritten Lehrer eingerichtet. Diese wurde 1819 angegliedert, und dann war die Schule gewachsen auf 1028 Kinder und
zwölf Lehrer im Jahre 1861. Darum wurde 1862 das neue Mädchenschulhaus bei der
Kirche erbaut, 1866 die Knabenschule aus dem Hause in der Mühlenstraße nach dem
früheren Kirchhof rechts vom Steintor verlegt. Aus dem alten Schulhaus wurde das jetzige Rathaus, das alte Rathaus auf dem Markt wurde abgerissen, um mehr Licht und Luft in der Stadt zu gewinnen. Der Fortschritt ging weiter. Die Volksschulbildung
genügte vielen Bürgern nicht für ihre Kinder, darum wurden zwei gehobene Klassen eingerichtet, 1869 trat die dritte hinzu. Auch damit war man nicht
zufriedengestellt und beschloss, ein Gymnasium zu gründen; aber der Kultusminister verneinte die
Bedürfnisfrage. Dafür kam 1877 die Landwirtschaftsschule zustande; 1881 wurde im
"Rosengarten" der Grundstein gelegt. Diese Schule hat für Kreis und Stadt unendlich segensreich gewirkt, und eine
große Zahl tüchtiger Landwirte und Bürger verdanken ihr die Grundlage ihres Wissens und Wesens.
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Der Markt mit Hotel Monopol |
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Wenn man von dem geistigen Aufschwung der Stadt in den Jahren bis 1891 redet, dann darf man die Presse nicht vergessen. Am 14. April 1866 kaufte Franz Waldow aus Flatow die Buchdruckerei von
Köhn und übernahm die Redaktion der "Schivelbeiner Kreiszeitung", die durch die ganze lange Zeit ihres Bestehens ein gut Teil Volkserziehungsarbeit geleistet hat. Zu dieser Arbeit
gehört auch das gute Buch, und so entstanden am Orte heute noch blühende Buchhandlungen. Der Fortschritt ?ertrug sich auf die Handwerker. Im Jahr 1875
gründeten sie die Fortbildungsschule, um ihren Nachwuchs tüchtiger zu machen. Im
Handwerker-Verein wurden ständig belehrende Vorträge gehalten; so
mußte 1872 Professor Virchow zu einem Vortrag kommen. Wie sehr man den berühmten
Arzt und Fortschrittsmann schätzte, bewies man durch eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus zur Feier seines 60. Geburtstages 1881. Der Bildung und dem Fortschritt dienten die Vereine alle, die in den Jahren bis 1891
gegründet wurden. Der Vaterländische Frauenverein fasste 1868 hier Fuß» der neue Turnverein bildete sich 1876, der ornithologische Verein wurde 1879 ins Leben gerufen, der Verschönerungsverein 1877, der Bürgerverein
für Stadtinteressen 1888.
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So sah man an der Stadtentwicklung die fortschrittsfreudige Gesinnung der
Bürgerschaft. Daher duldete sie auch den baulich schlechten Zustand ihres Gotteshauses nicht
länger, es wurde 1881 gründlich ausgebessert, die Kanzel verlegt, eine neue Orgel und das Altarbild wurden angeschafft. Schon vorher hatte die jüdische Gemeinde eine neue Synagoge erbaut, und zwar an der Neuen
Straße, die 1877 vom Markt bis zur Dramburger Straße
durchgebrochen worden war. Seit 1864 hatte man drei Ärzte, 1879 wurde eine Kreistierarztstelle geschaffen, 1883 zog ein Rechtsanwalt hierher, dadurch die Justizorganisation von 1879 Schivelbein zwei Amtsrichter bekommen hatte. Mit diesem Bilde des gesunden Fortschritts harmoniert die Entwicklung der Städtischen Sparkasse. Sie konnte 1889 ihren Zinsfuß auf drei Prozent heruntersetzen, ein Zeichen, daß es Geld genug gab. Man war sparsam bei
großer Arbeitsleistung,
zufrieden mit kleinem Verdienst und glücklich bei geringen Ansprüchen. Es gab keine wirklich reichen Leute in Schivelbein, es gab aber auch keine wahrhaft
große Not.
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Je näher wir der Gegenwart kommen, desto schneller wird das Tempo der
städtischen Entwicklung. Die alten Giebelhäuser im Fachwerkbau fallen ihr zum Opfer und machen modernen Laden- und
Geschäftshäusern Platz mir ihren Fronten aus Glas und Eisen. Es gibt fast kein
einstöckiges Haus mehr, und durch die größere Höfe der Häuser wird der Eindruck erweckt, als ob die
Straßen schmal seien. Das Steintor steht noch und engt trotz
seinereinseitigen Freilegung den Verkehrein. Wer weiß aber, wie lange es noch der
ständigen Erschütterung durch die schweren Lastkraftwagen standhält. Der Kaiserplatz, vordem eine
Sandwüste, ist zum Blumengarten geworden und grünt hinüber zum Reformrealgymnasium, das aus der Landwirtschaftsschule entstand. Die
Bahnhofstraße folgt jetzt der Entwicklung, die Mühlen-, Kirchen- und
Steintorstraße durchgemacht haben; man sieht nur noch Laden an Laden, Geschäft an
Geschäft. Industrien sind daneben entstanden:
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Essig- und Mostrich-, Mühlen-, Säge-, Ziegel- und Kalksandsteinwerke, die
ständig mehr Arbeiter beschäftigen. Die Zahl der Einwohner ist nach dem Krieg auf rund 9200 angewachsen. Sie alle wollen wohnen
"frei von der Gassen drückende Enge"; und so wächst die Stadt längs der
fünf Chausseen gleich den ausgestreckten Fingern einer Hand in die Landschaft hinein.
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Der Marktplatz |
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Große Pläne sind noch im Werden; daß sie noch nicht
ausgeführt sind, liegt an der sinkenden Konjunktur unserer Wirtschaft. Nachdem alle
Häuser mit Gas und Elektrizität versorgt sind, schaut man nach Kanalisation und Wasserleitung aus, eine hygienische Notwendigkeit
für die tiefgelegene Innenstadt. Durch öffentliche Bauten (Turnhalle, Jugendheim usw. unter dem Gedanken der Krieger-Ehrung) hofft man, der Arbeitslosigkeit zu begegnen. Eine
Umgehungsstraße soll den Hauptstraßenzug entlasten und dem Mangel der mittelalterlichen Stadtanlage abhelfen. Noch beherrschen Wirtschaftsfragen das
tägliche Leben; aber es kündet sich schon wieder die Zeit an, wo geistige Interessen im Vordergrund stehen werden, und wo das ganze
städtische Wesen getragen wird
von den Begriffen "Fortschritt und Gemeinwohl".
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Schivelbein auf der topographischen Karte 2260
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Quellen:
Ludwig Kortlepel in Deutschlands Städtebilder: Schivelbein, Leipzig 1929
Schwarzweißfotos von Ulrich Bulgrin
Nachnamensregister
der Schivelbeiner Kirchenbücher
Stadtplan von Schivelbein
Verzeichnis der
Hausbesitzer Schivelbein vom 12. Juli 1824
Die Schivelbeiner Gefallenen des 1. Weltkriegs
Die Schivelbeiner Pastoren und Diakone
Beerdigungen 1925 - 1935
Die jüdische Gemeinde
Aus der Geschichte der Kreise Schivelbein und Belgard
Absolventen der Städtischen Landwirtschaftsschule 1920 / 21
Absolventen der Städtischen Landwirtschaftsschule 1921 / 22
Absolventen der Städtischen Landwirtschaftsschule 1922 / 23
Absolventen der Städtischen Landwirtschaftsschule 1923 / 24
Absolventen der Städtischen Landwirtschaftsschule 1924 / 25
Absolventen der Städtischen Landwirtschaftsschule 1925 / 26
Mitarbeiter der Post 1935
Mitarbeiter der Telegraphenbauabteilung 1935
Personal Bahnhof Schivelbein 1935
Männergesangverein "Eintracht"
Adressbuch
Schivelbein 1925 / 26
Die Stadt Swidwin
Der Landkreis Swidwin
Informationen über Swidwin und die Umlandgemeinden
( Internetowy informator miasta Swidwina i powiatu )
Verwaltung, Handel, Geschichte, Hotels, Gaststätten und mehr in polnischer Sprache
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