Der Landkreis Belgard-Schivelbein in Pommern    

                                

Bulgrin / Bialogorzyno

 

Bulgrin liegt zwischen Belgard und Köslin unmittelbar an der nordöstlichen Grenze des Belgarder Kreises. Neben dem früheren Allodial-Gut und Pfarrdorf gehörten vor dem Zweiten Weltkrieg das Vorwerk Klempenkaten, der Bahnhof Nassow, die Wohnplätze Krähenkrug und Biniack sowie der Krausenkaten, ein alter Krug, zur Gemeinde Bulgrin. Die Ländereien waren nach Osten durch die Radue begrenzt, die hier gleichzeitig die Grenze zum Kreis Köslin bildete. Im Norden der Gemarkung lagen große Waldgebiete. Nach Westen und Süden in Richtung Silesen und Butzke bestanden durch beiderseitige Land- und Rodeflächen entlang eines Baches schon immer natürliche Grenzen. Im Jahre 1939 hatte Bulgrin 614 Einwohner in 160 Haushaltungen. Es waren zwei Betriebe mit mehr als hundert Hektar, dreizehn Höfe mit bis zu achtzig Hektar und 21 Betriebe mit zehn bis zwanzig Hektar Eigenland ansässig. Die kleineren Hofstellen mit weniger als zehn Hektar wurden überwiegend im Nebenerwerb betrieben.

Bahnhof Nassow

Für die Fotos danke ich Frau Elise Henningsen.

                                                                        Gruß aus Bulgrin          

Neben den üblichen Getreidesorten wurden hauptsächlich Kartoffeln angebaut und in der gutseigenen Brennerei verarbeitet. Nach einer Kesselexplosion mußte die Brennerei bereits in früheren Jahren ihren Betrieb einstellen. Die zweischurigen Wiesen wurden regelmäßig von der Radue überschwemmt und dadurch gedüngt. Insbesondere der Schwarzbach führte bei Regen dem Fluss große Wassermengen zu. Nach Dammbrüchen an der Talsperre zwischen Roßnow und Nedlin am 24. März 1940 wurden große Flächen bis nach Köslin hin überschwemmt. Auch in Bulgrin und Umgebung ertrank viel Vieh in den Fluten. Sowohl die in Bulgrin vorhandenen Teiche als auch gute Absatzmöglichkeiten auf den Wochenmärkten in Belgard und Köslin begünstigten die pommersche Gänse- und Entenzucht. In den durch Überschwemmung entstandenen Lachen wurde gelegentlich Fischfang mit Netzen betrieben, wobei große Hechte und Lachse keineswegs selten waren. Neben dem Wiesenkalk, auch Moorkalk genannt, und Torf wurde früher auch Lehm abgebaut. Die im Ortsteil Krähenkrug erbaute Gutsziegelei mußte 1910 ihre Produktion aufgeben, die Lehmreserven waren erschöpft. Neben dem Gehöft von Waldemar Kosanke befand sich ein großer Holzlager- und -verarbeitungsplatz. Noch 1956 wurden von hier aus Bauholz und Eisenbahnschwellen nach Danzig verladen.

                      Noch ein Gruß aus Bulgrin                     

Folgende Flurnamen sind überliefert: Flemminghorst, Zungenmoor, Die Brandriege, Waldliethe, Schäfereyteich, Scheidebruch, Böhmchenberg, Borkenmoor, Pferdewiesenbruch, Zilchencamp, Rohrbruch, Der Krug, Brückenwiese, Radeort, Bollenwiese, Kreuzliete, Notdreiß, Große Röthsoll, Das Butziger Feld, Rustun Ort, Der alte Dahn, Kufen, Radland und Radlandsteich.

Bulgrin wird zum ersten Mal in einer Urkunde von 1286 genannt. Der Ortsname ist wahrscheinlich von einem Personennamen abgeleitet. 1456 gilt es als Lehnbesitz des uralten Geschlechts der Klankespar oder Kranksparn. Nach dem Erlöschen dieses Geschlechts mit dem Tode von Henning Kranksparn wurde das Gut am 12. Februar 1606 durch Herzog Bogislaw XIII. der Familie von Ramel als neues Lehen überlassen. 1746 fiel es nach einem Teilvergleich je zur Hälfte den Brüdern Henning Christian und Caspar Friedrich von Ramel zu. Im Jahre 1764 beanspruchte letzterer mit Erfolg den ganzen Besitz. Für 17881 Taler übernahm am 1. Dezember 1773 Joachim von Kleist auf Nemitz das Gut. 1811 folgte als neuer Eigentümer die Familie von Bonin, die das Gut 1847 an den Justizrat Staegemann zu Neu Ruppin verkaufte. Von diesem erwarb es 1856 Karl Krüger, dessen Sohn Bulgrin im Jahre 1863 für 180 000 Taler an Ehrenfried Rossow verkaufte. 1867 hatte der Ort 580 Einwohner und 56 Wohngebäude aufzuweisen. Zahlreiche Handwerks- und Gewerbebetriebe hatten sich am Ort niedergelassen: Bäckerei und Kolonialwarenhandel Walter Lüdtke, Bäckerei Wilhelm Jastrow (Pächter: Syring und Fehlberg), Fleischereien Julius Kleemann und Paul Westhäuser, Tischlerei Sponholz, Schmiede Treptow und Erich Funk, die Schuhmacher Gustav Scheunemann und Reichow, Friseur Hans Buschow, Schneidereien Ella Stöckmann, Hackbarth, Ewald Lemke und Willi Westphal, Fahrradhändler Schramm. Die örtliche Poststelle leitete Hermann Buschow, Albert Schmidt (später Franz und Lucie Reder) betrieb den Gasthof mit Kolonialwarenhandel. An genossenschaftlichen Einrichtungen waren die Elektrizitätsgenossenschaft und die Ländliche Spar- und Darlehnskasse Bulgrin vorhanden. Die öffentlichen Ämter wurden von Bürgermeister Paul Blödorn, Amtsvorsteher Wilhelm Lobek aus Butzke, Ortsbauernführer Albert Schimmel und dem Standesbeamten Albert Wendt bekleidet. Die Kirche stand unter hohen Bäumen inmitten eines von einer wuchtigen Feldsteinmauer begrenzten alten Gräberfeldes. Bis 1910 versah Pastor Hasenjäger die Pfarrstelle, ihm folgte der junge Pastor Otto Krüger, der 1926 zum Superintendenten von Kolbatz bei Stettin berufen wurde. Von 1926 bis 1943 war Pastor Paul Käding Seelsorger in Bulgrin; nach seinem Tod kam Pastor Georg Rößler aus Belgard. In der Schreckenszeit nach 1945 diente das Pfarrhaus außer Frau Käding und ihren drei Kindern auch vielen Vertriebenen und Heimatlosen als Zufluchtstätte.

Die Kirche 1985

Für die zuletzt zweiklassige Dorfschule steht der Name des Lehrers und Kantors Karl Abraham, der über einen Zeitraum von drei Generationen hier unterrichtete und zudem jeden Sonntag die singende Gemeinde mit seinem Orgelspiel begleitete. Von den oft wechselnden zweiten Lehrern sind die Namen Badtke, Vierkant und Fischer zu nennen, deren Tätigkeit aber erst um 1923 begann. Des weiteren unterrichteten in Bulgrin die Lehrkräfte Fischer, Winkelsesser, Haase, Fräulein Marks und Mattausch. Als letzterer 1942 einberufen wurde, kamen in Vertretung Lehrer Lämmerhirt aus Pustchow und der Ruheständler Karl Abraham. Ab etwa 1930 gab es auch eine Gemeindeschwester, die von der Evangelischen Frauenhilfe gestellt, nach ihrer Pensionierung aber von einer Schwester der NS-Frauenschaft abgelöst wurde. Die örtliche Freiwillige Feuerwehr stand unter der Leitung des Schmiedemeisters Erich Funk. Sie half nicht nur bei den großen Bränden auf den Höfen von Reinhard Borghardt, Willi Behling, Waldemar Kosanke und Uwe Krüger (Abbau), sondern konnte auch beim Großfeuer am 31. August 1930 in Klempin entscheidend eingreifen. Die Sportfeste des Bulgriner Turnvereins, das Jahresfest des Kriegervereins und der Feuerwehrball bildeten die Höhepunkte des dörflichen Lebens und fanden regen Anteil bei der ganzen Bevölkerung.

 

                                                    Bulgrin 1930      

Über die Zeit des Zusammenbruchs und der Vertreibung erinnert sich Ruth Bahr:

»In Bulgrin gab es keine Kämpfe. Hans Münchow und Paul Böhlke wurden von den Russen erschossen. Geflüchtet sind aus Bulgrin nur wenige. Im Sommer und Herbst 1945 kamen polnische Familien und übernahmen die Höfe. Wir sind im Januar 1947 von unserem Hof vertrieben worden und dann bis Mai auf dem Gut Schröder gewesen. Als die Russen das aufgaben, sind wir nach Gülz, Kreis Köslin, gezogen, wo auf den Gütern nur Deutsche für die Russen gearbeitet haben. Ab 1947 waren kaum noch Deutsche in Bulgrin. Noch im Mai 1945 wurden die Gebäude von Erich Funk als Gefangenenlager für deutsche Soldaten eingerichtet. Herr und Frau Przibilla vom Abbau waren 1957 wohl die letzten Deutschen in Bulgrin.«

Slawomir Stefek, ergänzt den Bericht von Ruth Bahr: Meine Mutter wurde 1945 geboren. Als sie 18 Jahre alt war, erhielt sie im Hause der Familie Przibilla Unterricht im Schneidern durch eine Deutsche aus Belgard. Das war etwa 1962 - 63. Sie erinnert sich, daß Frau Przibilla zu dieser Zeit noch dort lebte. Bulgrin Abbau heißt heute Stajkowo.    

Das Grab von Franz Przibilla heute   Bulgrin Abbau ( Haus Przibilla rot markiert )

                                                                         Stajkowo ( Haus Przibilla gelb markiert )

Quelle: Der Kreis Belgard, S. 361 - 363

Bulgrin 1867

 

Im Jahre 1867 gehörten zum Gemeindebezirk Bulgrin

Vorwerk Klempenkaten ( Klempskaten ), Krausenkaten, Kolonie Krähenkrug, Bahnhof Nassow, sowie die Ansiedlung Bivouak

Im Einzelnen:

 

 

Häuser

Wirtschaftsgebäude

Einwohner

Pferde

Rinder

Schafe

Schweine

Ziegen

Bienenstöcke

Bulgrin

47

49

493

76

240

2030

112

12

44

Bahnhof

1

1

8

           

Krausenkaten

2

 

6

 

4

5

1

   

Krähenkrug

5

8

59

6

17

17

5

 

6

Klempenkaten

1

3

14

 

3

4

5

   

 

Zur Parochie Bulgrin gehörten

Bulgrin, Butzke, Silesen, Forst-Pustchow und Pustchow mit insgesamt 1795 Einwohnern

Es wurden:

 

   

1860

1861

1862

Getraut

Paare

17

11

14

Davon Bräute mit Kranz

 

9

6

7

Geschieden

Ehen

1

1

 

Geboren

 

87

73

75

Davon außerehelich

 

7

7

7

Verhältnis ehelich / außerehelich

 

1 : 11

1 : 10

1 : 10

Totgeboren

 

6

3

3

Konfirmiert

 

36

36

35

Gestorben, inkl. Totgeburten

 

36

51

48

 

Quelle: Berghaus, Landbuch des Herzogtums Kaschubien

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