Der Landkreis Belgard-Schivelbein in
Pommern
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Ansprache des Heimatkreisvorsitzenden Manfred Pleger in Celle
Sehr geehrter Herr Landrat Wiswe, sehr geehrte Honoratioren, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Konfirmanden, liebe Landsleute, ich habe die Ehre, Sie im Namen unseres Heimatkreises Belgard-Schivelbein, vertreten durch den Heimatkreisausschuss, sehr herzlich zu begrüßen.Ich freue mich darüber, dass Sie gekommen sind, weite Wege trotz Alters und Beschwerden nicht scheuten und damit zeigen, dass sie sich unserer Schicksalsgemeinschaft verbunden fühlen. Spät in der Reihenfolge der Begrüßung, aber nun endlich Ihnen einen herzlichen Gruß, Herr Landessuperintendent Kurt Manzke. Tau huus, Herr Landessuperintendent, war es auf dem Lande ganz selbstverständlich, dass von allen Anwesenden tauierst de Paster begröt wur. Ich begrüße den uns herzlich verbundenen Herrn Superintendenten Martin Zitzke aus Belgard; wir freuen uns darüber, dass Sie es sich trotz gesundheitlicher Einschränkung nicht haben nehmen lassen zu kommen, am Gottesdienst mitwirkten und damit Ihre besondere Verbundenheit zu uns ausdrücken. Ich begrüße sehr herzlich Frau Herta Dallmann, Ehefrau unseres verstorbenen Heimatkreisvorsitzenden Paul Dallmann. Ich begrüße und beglückwünsche die Konfirmanden zu ihrer Einsegnung und wünsche Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg. Zu Ehre Gottes und im Gedenken an unseren verstorbenen Heimatkreisvorsitzenden Paul Dallmann aus Podewils hören wir jetzt ein Tonband mit dem Ruf der Glocke der Kirchengemeinde Rarfin im Kreis Belgard.
Sehr geehrter Herr Landrat Wiswe, sehr geehrte Honoratioren, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Landsleute, der heutige Tag ist ein Tag des Gedenkens und des Dankens. Zunächst ein Tag besonders des Gedenkens in Liebe und Erinnerung all derer unserer Eltern- und Großeltern- und z. T. auch schon Geschwistergeneration wie unserer Freunde und Bekannten, die nicht mehr leben – die gern ein Grab tau huus als letzte Ruhestätte gehabt hätten und der Umstände wegen dann doch hier ihr Grab fanden. Ein Viertel unserer pommerschen und ostdeutschen Bevölkerung ist im Kriege und im Zuge der Besetzung unserer Heimat durch die Rote Armee 1945 ums Leben gekommen. Nahezu zwei Drittel dieser zweieinhalb Millionen Toten entfallen auf Zivilpersonen, fast ausschließlich auf Mütter mit deren Kindern und ältere Menschen. Die meisten des zivilen Personenkreises starben schon in den ersten Wochen der Besetzung. Bin ich zu Hause in Denzin, und Ihnen wird es nicht anders ergehen, wenn Sie zu Hause sind, dann führt mich mein erster Weg zum schon lange zerstörten Friedhof. Und es ist immer wieder das gleiche Empfinden tiefen Schmerzens darüber, wie alles gekommen ist, wie diese Menschen doch fröhlich und ihrer Verpflichtung dienend gelebt hatten – das Entsetzen über die Ereignisse des Jahres 1945/46 und - dass uns dieses Land nicht mehr gehört. Wir sehen die Realität, doch können wir die Sprache der Seele und des Herzens damit nicht in Einklang bringen. Der heutige Tag ist ein Tag des Dankens in mehrfacher Weise: Wir, die hier anwesenden Vertriebenen, überlebten die Furie des Verbrechens 1945 dank göttlicher Fügung und sind von Herzen dankbar, zu leben und uns des Lebens Glück erfreuen zu dürfen. Und wenn Herr Landessuperintendent Manzke für die heutige Konfirmation das Bibelwort aussuchte: Danket dem Herrn; denn seine Güte ist freundlich und währet ewiglich", so entspricht dies Bibelwort unserem inneren Bild tief empfundener Dankbarkeit; auch darüber, hier an unseren jetzigen Wohnorten wieder eine neue Wohnstatt gefunden zu haben und ein Leben in Würde führen zu können. Wieviel Glück, Freude und Erfolg sind uns hier und in unserem Leben doch beschert worden! Für uns sind die Celler Tage Goldene Tage, Tage des Gedenkens, der Begegnung, der Erinnerung und der Dankbarkeit. Für uns ist der heutige Tag ein Tag des Herrn: Der Himmel nah und fern, Er ist so klar und feierlich, So ganz, als wollt er öffnen sich. Das ist der Tag des Herrn. Die Begegnung hier befördert Erinnerung und Besinnung, und sie ist Ansporn, wieder zu kommen. Auch brauchen wir, die wir uns der Heimatarbeit verpflichtet fühlen, diesen Schub eines gestärkten Bewusstseins im Interesse der Pflege unserer Gemeinschaft und der Wahrung unserer Geschichte und Kultur. Liebe zu Heimat ist Herzensanliegen und dienende Verpflichtung. Dabei wird in unseren Erinnerungen unser frühes Lebensumfeld wieder lebendig: der Kreis Belgard mit den stolzen Städten Bad Polzin, Schivelbein und Belgard und den 127 Landgemeinden mit teils unterschiedlicher Geschichte. Rega, Persante und Radue und eine Anzahl kristallner Nebenflüsse, wie Kautel, mit ihren breiten Tälern gaben der von Moränen durchformten Landschaft ein besonders reizvolles Gepräge. Wir, die dort noch geboren sind, wurden mit den Wassers eben unseres Flusses getauft, haben in ihm gebadet und sind im Winter auf den überschwemmten Wiesen Schlittschuh gelaufen. Der Kreis Belgard-Schivelbein war wie Pommern allgemein ein christliches Land und seit der Reformation Martin Luthers im 16. Jh. ganz evangelisch. Ein Mitstreiter und Vertrauter Luthers war Johannes Bugenhagen aus Wollin in Pommern, Dr. Pomeranus genannt. Seine herausragenden Leistungen bestanden darin, dass er die 1534 in Lübeck gedruckte Lutherbibel ins Plattdeutsche übersetzte, zahlreiche Visitationen durchführte und die Kirchenordnungen Pommerns und mehrerer norddeutscher Länder schuf. Erinnert seit auch daran, dass sich nach der 1939 durchgeführten Volkszählung (trotz des Nationalismus) in Belgard 97% der Bevölkerung als evangelische Christen bekannten; 1,6 % entfielen auf Christen katholischen Glaubens und 1 % auf sog. Gottgläubige. Im Kreis war dies ähnlich. Und Pommern war ein Land der Kirchen. Es herrschte im Mittelalter das ungeschriebene Gesetz, dass der Abstand zur nächsten Kirche nicht weiter als 5 km sein sollte. Der Ruf der Glocke eines Kirchspiels sollte noch im Nachbarkirchspiel gehört werden können; Die Pastoren und Helfer spendeten viel Segen. Über ihr Seelsorgeamt hinaus linderten sie tatkräftig (so zwischen den beiden Weltkriegen) die wirtschaftliche Not der Menschen und taten zusammen mit den Lehrern viel für die Kultur unserer Städte und Dörfer. Ja, die Pastoren genossen in Pommern hohes Ansehen und tiefe Verehrung. Dies zu sagen ist mir angesichts unseres Ehrentages und der Konfirmation Bedürfnis. Sehr geehrte Damen und Herren, das heutige Heimatkreistreffen sollte ein Tag unseres verstorbenen ehrwürdigen Landsmanns Paul Dallmann aus Podewils werden, ein Paul-Dallmann-Tag; denn heute hätte er sein 25jähriges Dienstjubiläum als Heimatkreisvorsitzender und sein 50jähriges Jubiläum als Mitglied des Heimatkreisausschusses unseres Heimatkreises feiern können. Allein – der Herrgott wollte es anders. Paul Dallmanns Beiträge zur Einrichtung der Heimatstube mit den wertvollen unersetzbaren Sammlungen pommerschen Heimat- und Kulturguts und zur Herausgabe des Heimatkreisbuches „Der Kreis Belgard" gehören zu den herausragenden Leistungen von Herrn Dallmann; auch die im Laufe der vielen Jahre von ihm bearbeiteten unzähligen Anfragen und Auskünfte legen Zeugnis unermüdlichen Schaffens. Und was wichtig, vielleicht das Wichtigste: er hat es verstanden, die Kreisgemeinschaft zu erhalten und für ein einvernehmliches Verhältnis zum Patenkreis zu sorgen. In Anerkennung seiner Verdienste für Staat und Gemeinschaft erhielt Paul Dallmann 1988 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ihm wurden alle Ehrungen und Auszeichnungen des Bundes der Vertriebenen und der Pommerschen Landsmannschaft zuteil, zuletzt 1999 die Pommersche Ehrennadel in Gold. Wir dürfen recht und dankbar feststellen, Paul Dallmann hat sich um seine ostdeutschen Landsleute, seine Heimatgemeinde und unseren Heimatkreis Belgard-Schivelbein verdient gemacht. Diese Begegnung ist ein Tag des Dankes an unseren Patenkreis. Wir sind uns bewußt, dass diese weitere Begegnung nur zustande gekommen ist dank der Einladung und Ausrichtung dieses Treffens durch unseren Patenkreis, und dass, meine verehrten Landsleute, nach 52 Jahren der Begründung des Patenschaftsverhältnisses, an dessen Zustandekommen der damals amtierende Oberkreisdirektor des Landkreises Celle, Dr. Axel Bruhns aus Lutzig im Kreis Belgard, entscheidend mitwirkte. Daß uns unser Patenkreis immer wieder herzlich willkommen heißt und uns liebevoll betreut, gereicht ihm zu Ehre. Wir danken Ihnen, Herr Landrat, für Ihr Verständnis und die Förderung unserer Anliegen. Wir danken dem Kreistag und den Ausschüssen dafür, dass sie das Patenschaftsverhältnis nach wie vor bejahen und unterstützen. Wir sind nur ausnahmsweise Celler, nur wenig von uns sind hier wahlberechtigt und deshalb eine im politischen Alltag, wo es um Wählerstimmen geht, wenig interessante Gruppe. Aber wir sind eine Klientel, die geschlossen wohl wie keine andere Zuneigung und Zuwendung herzlicher und dankbarer entgegennimmt und erwidert – als wir. Aber auch das zu sagen, ist mir Herzensbedürfnis: Wenn wir uns beim Landkreis Celle in Celle so wohl und heimisch fühlen, so nicht zuletzt dank der Fürsorge und Betreuung durch Herrn Kreisoberamtsrat Hartmut Stucke und Frau Angelika Esser. Ich kann mir keine bessere Zusammenarbeit wünschen, als mit Ihnen beiden. Und dafür sage ich Ihnen Dank! Ich beziehe dabei dankbar alle Damen und Herren des Kreises mit ein, die in die Patenschaftsarbeit eingebunden sind und uns an diesem Wochenende betreuen. Ich verneige mich dankbar vor Herrn Landessuperintendenten Kurt Manzke und Herrn Superintendent Martin Zitzke. Mit dem Gottesdienst und der Konfirmation wie der Andacht hier in den Triftanlagen gaben Sie dem Tag Glanz und Gottes Ehre. Ihre Predigten, ihre Worte beeindruckten; man empfindet, ihre Worte kommen von Herzen und sie gehen zu Herzen. Wir, liebe Landsleute, fragen uns, wie soll es weitergehen mit uns alten Menschen. Sind wir noch tragfähig für weitere Treffen ? Auch - welche Heimatarbeit wollen und können wir noch leisten ? Wie können wir den Umstand, dass wir weniger werden, auffangen? Daß wir abermals in stattlicher Zahl hier versammelt sind und die Einsegnung hohen Zuspruch fand, sollte uns bestärken. Die Worte des Herrn Landrats, uns weiter die Treue zu halten, haben wir mit großem Dank und innerer Befriedigung aufgenommen. Es liegt nun an uns, wie oft wir uns noch in Celle wieder sehen. Und es liegt an uns, den Zusammenhalt unserer Heimatkreisgemeinschaft und der Stadt- und Dorfgemeinschaften zu stärken. Über Möglichkeiten sprachen wir auf den Treffen gestern und vorgestern. Ich hoffe, dass sich aus diesen Gesprächen Aktivitäten auftun werden, dass wir einander näher rücken, uns austauschen und in gegenseitiger Hilfe stärken. Noch ein Wort des Dankes an alle, die mich aus den eigenen Reihen unterstützten, stellvertretend nenne ich den Kreisbearbeiter Herrn Dieter Schimmelpfennig; ohne ihn und seine mobile technische Ausstattung wäre manche Arbeit und Improvisation nicht möglich gewesen. Ich schließe mit Ernst Moritz Arndt’s Vaterland. Vaterland Wo dir Gottes Sonne zuerst schien, wo dir die Sterne des Himmels zuerst leuchteten, wo seine Blitze dir zuerst seine Allmacht offenbarten, und seine Sturmwinde dir mit hellen Schrecken durch die Seele brausten, da ist deine Liebe, da ist dein Verland. Wo das erste Menschenaug’ sich liebend über deine Wiege neigte, wo deine Mutter dich zuerst mit Freuden auf dem Schoße trug, und dein Vater dir die Lehren der Weisheit und des Christentums ins Herze grub, da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland. Und seien es kahle Felsen und öde Inseln, und wohne Armut und Mühe dort mit dir, du musst das Land ewig lieb haben, denn du bist ein Mensch und sollst nicht vergessen, sondern behalten in deinem Herzen …"
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