Der Landkreis Belgard-Schivelbein in Pommern

                                                 

 

Ansprache bei der Andacht der Gedenkfeier am Ehrenmal in den Triftanlagen Celle am 11. September 2005

Landessuperintendent Karl Manzke

"Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht. Frage deinen Vater, der wird dir's verkünden, deine Ältesten, die werden dir's sagen." 5.Mose 32,7

Liebe pommerschen Landsleute, liebe Schwestern und Brüder!

Es ist gut, daß dieses Treffen wieder stattfindet und diese Gedenkfeier am Ehrenmal. Es gehört ganz sicher zum christlichen Glauben, sich der vergangenen Zeiten zu erinnern und acht zu haben auf die vergangenen Jahre von Geschlecht zu Geschlecht. Es gehört zum Menschen, zum Wesen des Menschen, sich zu erinnern und des Vergangenen zu gedenken. Der bekannte Philosoph Karl Jaspers hat einmal gesagt: "Mit der Zerstörung der Erinnerung würde der Mensch sich selbst vernichten." Wer die Vergangenheit vergißt, verliert auch die Zukunft, lebt nur noch im Heute, im Augenblick, wie Goethe es einmal formuliert hat: Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkel, unerfahren, mag von Tag zu Tage leben." Nur durch die Erinnerung werden wir zukunftsfähig . Vielleicht hängen der in unserem Volk weit verbreitete Pessimismus und die Angst vor der Zukunft mit dem Vergessen zusammen, weil viele nur im Augenblick leben wollen. Und dieses Jahr, 60 Jahre nach dem Ende des schrecklichen Krieges, ist ja einem Jahr der Erinnerung und des Gedenkens.

Woran erinnern wir uns, woran denken wir? Wir erinnern uns zuerst an das Land am Meer, an Pommern, genauer: an Hinterpommern, an unsere Heimat. Wir erinnern uns an das weite Land, an die Städte mit den backsteingotischen Marienkirchen in ihrer Mitte, mit alten Bauten wie Stadttoren, die in die Vergangenheit weisen. Wir erinnern uns an die Dörfer mit ihren Kirchen, mit den Höfen, den Gütern, den weiten Feldern und Wiesen, den Wäldern. Ja, daran erinnern wir uns, wenn wir der vergangenen Zeiten gedenken. Es ist ja ein Zeichen des Erinnerns, daß viele in die alte Heimat fahren. Gott sei Dank sind auch die Zeiten vorbei, in denen der deutschen Vergangenheit in unserer Heimat nicht gedacht werden durfte, man nicht von ihr sprach und sie verdrängte. Das ist anders geworden und dafür sind wir dankbar.

Und wir erinnern uns an den Glauben, in dem wir in unserer Jugend dort unterrichtet wurden, der - so habe ich es erfahren - in unserer Heimat eine prägende Kraft war von Geschlecht zu Geschlecht. Bei uns im Rügenwalder Amt war es üblich, daß wir nach dem Gottesdienst auf den Friedhof gingen, die Gräber der Angehörigen, der Vorfahren aufsuchten, um uns ihrer zu erinnern. So habe ich gelernt von Kind auf daß ich nur ein Glied in einer Kette der Generationen bin. Eine wichtige Erkenntnis, und wehe einem Volk, wenn es diese Einsicht vergißt. Durch den Gottesdienst habe ich viele Lieder gelernt, die ich bis heute im Gedächtnis habe Daran erinnern wir uns. Und wir erinnern uns an das Leid, das wir erlebt haben und das ja mit dem Ende des Krieges für die Menschen in Pommern erst richtig begann. Ich habe den Bericht von Superintendent Zitzke gelesen und weiß daher, daß es im Kreis Belgard-Schivelbein vor 60 Jahren genau so schrecklich zuging wie bei uns im Kreis Schlawe. Wir gedenken des Leides und der Menschen, die es nicht überlebt haben.

Wir erinnern uns auch an die Schuld, durch die das Leid kam. Zuerst erinnern wir uns an unsere eigene Schuld, daß wir nicht zufrieden waren mit dem uns gegebenen Land, mit unserer Heimat, und auf die Verführung hereinfielen, Lebensraum im Osten erobern zu wollen - für wen eigentlich? Wir erinnern uns auch der Schuld der Anderen, die dann über uns hereinbrach. Immer noch ist es leider so in der Welt , daß auf Schuld Rache folgt. Man kann manchmal daran verzweifeln, daß wir Menschen so schwer den Weg in die Freiheit der Versöhnung finden und loskommen von dem "Wie du mir, so ich dir." Ohne Gottes Gnade finden wir den Weg in die befreiende Versöhnung nur schwer. An all dies Erinnern wir uns und an noch viel mehr. Diese Erinnerung darf nicht verloren gehen. Wer die Geschichte nicht kennt, wird ihre Fehler nur zu leicht wiederholen. Ich finde es gut, daß unser Bundespräsident Horst Köhler bei seinem Besuch in Polen um Verständnis für die Errichtung eines Denkmals gegen Vertreibungen geworben hat.

Aber nun muß ich noch ein Zweites hinzufügen, was unser Bibelwort deutlich sagt: "Frage deinen Vater - und ich füge hinzu - frage deine Mutter, die werden dir's verkündigen." Die Erinnerung soll und muß weitergegeben werden an die nächsten Generationen. Es ist unsere Aufgabe, liebe Schwestern und Brüder, dafür zu sorgen, daß die Erinnerung nicht mit uns, nicht mit unserer Generation stirbt. Darum erzählt sie Euern Kindern und Euren Enkeln. Es ist wichtig für sie, es ist wichtig für uns Menschen, der vorigen Zeiten zu gedenken. Wer nur im Heute lebt, geht unter, verliert die Zukunft wie die Vergangenheit. Schreibt Erfahrungen und Erlebnisse, die Euch besonders wichtig sind, auf für die Nachkommen.

Zur Ermutigung will ich hier von einer persönlichen Erfahrung berichten. Wir, meine Frau und ich, waren aus einem persönlichen Anlaß in diesem Frühjahr mit unseren drei Kindern, drei Schwiegerkindern und sieben Enkelkindern in meiner pommerschen Heimat. Ja, wir haben auch an Sie gedacht als wir auf der alten Reichsstraße 2 an der Grenze des Kreises Belgard-Schivelbein entlang fuhren. Wir haben die Reise besonders für unsere Enkelkinder unternommen, damit sie ihre Wurzeln kennen lernen. Ich gebe zu, daß wir etwas unsicher waren, wie das wohl gehen würde. Aber wir haben erlebt, daß es über alles Erwarten besonders bei den Enkelkindern zündete. Sie fragten, fragten,fragten und wir haben erzählt von der Vergangenheit. Und das immer im Angesicht der Orte und Städte, wo geschehen ist, wovon wir erzählten: auf unserem Hof z.B., in unserem Dorf, in unserer Kirche, auf dem Friedhof, in unserer Stadt Rügenwalde usw.us£ Dadurch haben sie mehr von der Geschichte gelernt als durch viele Bücher. Wir haben auch das Leid nicht vergessen. Mit einem Beispiel möchte ich schließen. Auf einem Hof unweit der Ostsee waren Ende März drei Familien beieinander, darunter auch meine Familie, mein Vater und meine Geschwister, meine Mutter war 1941 gestorben. Sie hatten sehr Schweres erlebt und viel Leid erfahren Es bestand auch keine Aussicht auf Änderung. In der Nähe waren ehemals deutsche Kasernen, jetzt von russischen Soldaten belegt, die die ganze Gegend beherrschten. Weil keine Aussicht auf Änderung war und die Verzweiflung groß, beschlossen sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Damit keiner den anderen sterben sehen müßte, beschlossen sie, in die nahe See zu gehen und so ihr Leben zu beenden. Bevor der Entschluß ausgeführt wurde, setzte sich eine der Frauen ans Harmonium und spielte den bei uns viel gesungenen Choral "Harre, meine Seele, harre des Herrn". Den Text kannten alle und manche von uns werden ihn auch kennen.

Für alte, denen er unbekannt ist "Harre, meine Seele, harre des Herrn, alles ihm befehle, hilft er doch so gern! Sei unverzagt, bald der Morgen tagt, und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach. In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.

Harre, meine Seele, harre des Herrn; alles ihm befehle, hilft er doch so gern! Wenn alles bricht, Gott verläßt uns nicht; größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Ewige Treue, Retter in Not, reff auch unsre Seele, du treuer Gott!

Diesen Choral spielte die Frau. Mitsingen konnte keiner. Aber Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit lösten sich in einem Tränenstrom. Von Sterben war nicht mehr die Rede. Aus der Kraft des Glaubens wuchs die Hoffnung und der Mut zum Leben. Und sie haben überlebt.

Das habe ich unseren Enkeln erzählt und wir standen vor dem Hof; wo es geschehen ist. Sie haben dadurch mehr über die Kraft des Glaubens gelernt als durch viele Bücher. So macht die Erinnerung fähig für die Zukunft und weckt Mut zum Leben.

Oft denke ich: Sollte es nicht möglich sein, unsere Probleme, die Krise, in der unser Land ist, zu lösen, wenn wir etwas mehr Mut und Hoffnung aus diesem Glauben schöpfen würden? Ich weiß wohl, daß die Krise unseres Landes größer ist als viele Politiker zu sagen waren. Aber sie ist klein im Vergleich zu den Schwierigkeiten, in denen die Menschen damals in unserer Heimat lebten. Ich wünsche uns allen, daß die Erinnerung uns Mut macht zur Zukunft und zur Besinnung auf den Glauben an das Evangelium.

 

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Dieter Schimmelpfennig